Die Eule

Mit großen Augen blickt die kleine Eule in die Welt. Sie ist die Zauberin der Nacht, bringt Licht ins Dunkel und ist darüber hinaus die Schutzpatronin der Weisheit. Wissen und Kraft finden sich in ihr vereint.

Eulen unterscheiden sich von anderen Vögeln durch die starr nach vorne gerichteten Augen. Da sie außerdem die Augenlider - wie wir Menschen - von oben nach unten über den Augapfel ziehen können, erscheint uns ihr Gesicht sehr menschlich. Die Eule fasziniert uns daher sehr. Da sie uns ähnlich ist, schreiben wir ihr einen Teil unserer eigenen Intelligenz und damit Weisheit zu. Die Eule wird daher häufig als Symbol der Weisheit mit Doktorhut und Talar oder auch auf Büchern sitzend dargestellt. Viele Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Buchhandlungen und Buchverlage haben die Eule als Emblem gewählt. Auch die Redensart «klug wie eine Eule» hat hier ihren Ursprung.

Auch die griechische Mythologie sah die Eule als Symbol für Weisheit an. Der Überlieferung zufolge soll Athene, die Göttin der Weisheit und Namensgeberin von Griechenlands Hauptstadt Athen, stets mit einer Eule als Begleiterin unterwegs gewesen sein.

Die Wahrnehmungsfähigkeit der Eulen ist hochentwickelt. Ihre Augen sind extrem lichtempfindlich und sehr groß. Mit einem Sehfeld von etwa 70 Grad und der raschen Drehmöglichkeit ihres Kopfes bis zu 270 Grad können Eulen allein mit dem Kopf blitzschnell ihre Umgebung in einem Umkreis von etwa 340 Grad erfassen. Das ist fast ein voller Kreis. Dabei kann infolge der großen Hornhaut ihrer Augen auch geringes Licht noch optimal ausgenutzt werden. So können die Eulen, die von Natur aus weitsichtig sind, bei Dämmerung und auch in der Nacht noch sehr gut sehen. Zu dieser besonderen Sehfähigkeit gesellt sich zusätzlich ein ausgezeichnetes Hörvermögen. Denn ein großer Gesichtsschleier aus Federn dient wie ein Parabolspiegel als akustischer Verstärker, so dass Eulen Geräusche ihrer Umgebung und insbesondere bewegliche Objekte präzise orten können.

So verwundert es nicht, dass die Wahrnehmungsleistungen der Eule metaphorisch auch als Bild für geistige Fähigkeiten dienen, so zum Beispiel ihre Weitsicht und ihre Einsicht in komplexe Strukturen, ihr Durchblick, besonders bei Dunkelheit, das genaue Zu- und Hinhören sowie ihre Flexibilität beim Annehmen von verschiedenen Positionen des Kopfes. Diese Fähigkeiten sind somit in besonderer Weise geeignet, symbolisch auf die entsprechenden Eigenschaften des Denkens und insbesondere auf die des Philosophierens übertragen zu werden.

Und da die Eule ferner bei der Nahrungssuche und Jagd eine große Geduld und Ruhe ausstrahlt, galt sie in der Antike auch allgemein als Symbol für Gelassenheit, für ein gründliches Nachdenken, für das Überlegen sowie für Vernunft und Besonnenheit. Und damit galt sie als Symbol für die Philosophie selbst, für das Streben nach Wahrheit und Weisheit; denn auch die Philosophie will ja mit Klugheit, Besonnenheit und Beharrlichkeit gerade dann noch «gut sehen» und «weit blicken» können, wenn es um uns herum überall «dunkel» geworden ist und die Sicht durch Gewohnheit, Tradition, Religion, Ideologie und andere Trübungen verhindert oder «vernebelt» ist.

Die Eule – faszinierend, meisterlich, einzigartig.